Warum Feedback und sachliche Kritik für Übersetzer so wichtig sind

Meine Übersetzungen sind immer fehlerfrei, und ich verwende immer die korrekte Terminologie.

Diesen Eindruck könnte ich bekommen, wenn ich auswerte, wie oft ich inhaltliches Feedback zu meinen Lieferungen erhalte – nämlich so gut wie nie.

Aber machen wir uns nichts vor: Ich positioniere mich zwar als Expertin für Fachübersetzungen im Bauwesen und habe viel Erfahrung, aber auch ich mache Fehler. Oder verwende Terminologie, die zwar nicht falsch, aber doch in der Branche unüblich ist. Davon kann sich wohl niemand freisprechen. Das Problem ist: Ich erfahre davon nichts. Wenn ich für Direktkunden arbeite, auch und gerade bei Stammkunden, liefere ich meine Übersetzung manchmal mit Anmerkungen, wenn mir eine Stelle unklar war. Und das war’s dann. Rechnung stellen, Zahlung verbuchen. Was der Kunde mit meiner Anmerkung gemacht hat und ob er vielleicht sogar eine Lösung weiß, das erfahre ich nicht. (Zugegeben: Ich habe bisher auch nicht nachgefragt.)

Feedback macht uns besser

Es ist schon vorgekommen, dass ich jahrelang einen bestimmten Fachbegriff auf die eine Weise übersetzt habe und dann zufällig in einer weitergeleiteten E-Mail-Korrespondenz des Kunden entdeckt habe, dass eigentlich ein anderer Begriff verwendet wird. Wie verhalte ich mich da? Plötzlich den anderen Begriff verwenden, obwohl der Kunde seit Jahren den anderen in meinen Übersetzungen liest? Oder stillschweigend den alten Begriff nehmen und den neuen abspeichern, um ihn dann bei Neukunden zu verwenden?

Hier hätte eine kurze E-Mail vom Kunden geholfen: „Danke für die Lieferung. Übrigens: Wir haben gesehen, dass Sie immer XXX schreiben. Es heißt aber YYY. Nur als Hinweis fürs nächste Mal.‟

Nur so kann ich lernen und mich verbessern. Oder – wenn es gar nicht um Verbesserung geht, sondern vielleicht um eine firmeninterne Präferenz – die Wünsche des Kunden berücksichtigen.

Feedback zu geben, verbessert die Qualität der Leistung.

Nicht vergessen: Sachlichkeit

Damit Feedback funktioniert und ich als Übersetzerin die Kritik auch annehmen und im besten Fall positiv verwerten kann, ist essenziell, dass es sachlich ist. Und konkret. Mit Aussagen wie „Das ist nicht ganz das, was ich mir vorgestellt habe‟, oder „Sie verwenden die falsche Terminologie‟ kann ich wenig anfangen. Und sie bringen weder mich noch den Text voran. Wenn ich aber weiß, welcher Fachbegriff falsch war, kann ich damit arbeiten.

Bei Marketing-Übersetzungen – also Texten, die beim Leser eine Emotion oder eine Reaktion erzeugen sollen – ist es natürlich nicht immer ganz einfach, eine Begründung zu finden. Denn häufig ist es eher das diffuse Gefühl, dass der Text noch nicht richtig passt. Aber auch hier kann man konstruktiv Feedback geben, zum Beispiel wenn man die Sätze, die einen besonders stören, kennzeichnet. Oder nochmal ein genaueres Briefing zur Zielgruppe, zum Produkt gibt.

Übersetzung nach dem 4-Augen-Prinzip – bringt es das?

Bei vielen Übersetzungsagenturen ist eine Projektabwicklung nach dem 4-Augen-Prinzip selbstverständlich. Das heißt aber noch nicht, dass der Übersetzer die überarbeitete Fassung seiner Übersetzung oder gar weitere Anmerkungen zu Fehlern oder sprachlichen Varianten zu sehen bekommt. Einerseits verständlich, schließlich ist ein solcher Feedbackprozess sowohl für das Projektmanagement in der Agentur als auch für den Korrekturleser, der nicht nur Fehler beheben, sondern auch kommentieren muss, aufwendig. Und zusätzlicher Aufwand ist bei dem Kostendruck, der heute in unserer Branche herrscht, kaum noch zu vertreten.

Doch langfristig würden beide Seiten von einem solchen Feedback-Prozess profitieren: die Agentur, weil der Übersetzer die Chance hat, sich zu verbessern und in Zukunft diese Fehler nicht mehr zu machen, und der Übersetzer, weil er aus dem Feedback lernt (und sei es auch nur, seine sprachlichen Entscheidungen zu verteidigen).

In der Zusammenarbeit mit Verlagen habe ich das anderes kennengelernt. Hier sehen oft nicht nur vier, sondern gleich sechs oder gar acht Augen auf den Text: das verlagsinterne Lektorat, ein Außenlektorat und am Ende sogar häufig noch ein Korrektorat. Insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Außenlektorat empfinde ich als sehr wertvoll. Man muss aber in der Lage sein, die Änderungen nicht als Kritik an der eigenen Übersetzungsleistung, sondern als Verbesserung des Texts anzunehmen. Ein Lernprozess …

Soll ich Feedback einfordern?

Aus meiner Erfahrung weiß ich: Die Kunden werden dieses Feedback nicht von alleine geben. Ich habe gehört, manche Kolleg*innen hängen zu ihren Übersetzungen einen Feedback-Bogen an die E-Mail an. Aber bekommen sie ihn auch ausgefüllt zurück?

Ich bin vor kurzem dazu übergegangen, bei neuen Kunden, denen ich zum ersten Mal eine Übersetzung liefere, den Satz in die E-Mail zu schreiben: „Melden Sie sich gerne, wenn Sie Verbesserungsvorschläge oder Anmerkungen zur Terminologie haben. Daraus kann ich nur lernen.‟ Sozusagen die kleine Schwester vom Feedback-Bogen. Ob es was bringt? Ich werde berichten.

Hand aufs Herz: Geben Sie Feedback? (Und für Übersetzer:) Fordern Sie Feedback ein?

 

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